Künstler in Istanbul

Künstler in Istanbul

 

Angestoßen durch politische Entwicklungen und das aktuelle gesellschaftliche Geschehen, haben die Medien und die Forschung damit begonnen, sich intensiv auch mit der zeitgenössischen Kunst aus dieser Region zu beschäftigen. Regelmäßig werden Ausstellungen eröffnet, in Fachzeitschriften werden Künstler vorgestellt und Marktanalysen veröffentlicht.

Selbst die großen Auktionshäuser haben sich dem Trend angeschlossen und inzwischen eigene Abteilungen mit Kunst aus dem Nahen und Mittleren Osten eingerichtet.

Recht häufig ist die türkische Kunst ebenfalls Teil dieser Betrachtungen. Dabei lässt sich die Türkei kaum mit Ländern wie dem Libanon, Ägypten, Katar oder den Vereinten Arabischen Emiraten vergleichen. Stattdessen haben die lange Kunst- und Kulturgeschichte, die Tradition des Mäzenatentums und die Sammlungskultur dazu beigetragen, dass sich in der Türkei seit den 1980er-Jahren eine eigene zeitgenössische Kunstszene entwickelt hat. Besonders lebendig ist diese Kunstszene in Istanbul.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Metropole am Bosporus zu dem Kunstzentrum der Türkei geworden.

 

Die Istanbul Biennale machte den Anfang

1985 war ein entscheidendes Jahr für die Istanbuler Kunstszene. Seinerzeit beauftragte die private Stiftung Istanbul Kültür Sanat Vakfi (IKSV) die Kuratorin Beral Madra mit der Organisation von internationalen Sommerausstellungen. Nach zweijähriger Planungs- und Vorbereitungszeit fand dann die erste Kunstschau statt. Fünf Jahre später erhielten die Ausstellungen den Namen Biennale und erfreuen sich seitdem zunehmend großem internationalem Interesse.

Mit der Istanbul Biennale als fester Termin im Ausstellungskalender stieg auch die Anzahl an Museen, Galerien und Ausstellungsräumen deutlich. Neben Kunst aus Westeuropa und Nordamerika wird hier auch ganz gezielt zeitgenössischen Arbeiten von Künstlern aus Istanbul und der Türkei Raum geboten. 2001 rief der Architekt Can Elgiz das Privatmuseum Istanbul Museum of Contemporary Art ins Leben.

Mittlerweile heißt das Museum, das ein breitgefächertes Kunst- und Kulturangebot bietet, Proje4L/Elgiz Museum. Gründungsdirektor des Projekts war Vasif Kortun, heutiger Leiter der Kunsthalle SALT. Viele sehen in ihm so etwas wie den Gründungsvater der zeitgenössischen Kunstszene der Türkei. Untergebracht in einer ehemaligen Fabrik am Goldenen Horn, öffnete kurze Zeit später das Istanbul Museum of Modern Art seine Pforten. Heute bietet Istanbul einen prall gefüllten Ausstellungs- und Veranstaltungskalender.

Akbank Sanat, ARTER Space for Art, PiST Istanbul, Yapi Kredi Cultural Center oder 5533 sind nur ein paar Beispiele für Räume, in denen sich die Kunstszene präsentiert. Wie lebendig und vielseitig die Kunstszene ist, zeigt sich dabei nicht zuletzt daran, dass viele Kunstausstellungen keine reinen Kunstschauen sind. Stattdessen finden sie häufig in Kombination mit Lesungen, Konzerten, Diskussionsforen oder Tanzaufführungen statt.

  

Künstler in Istanbul sind Teil einer jungen Szene

Istanbuls Kunstszene ist bunt gemischt. So gibt es nicht nur lokale und türkische Künstler in Istanbul, sondern auch viele junge Künstler aus anderen Ländern zieht es zum Leben, Arbeiten und Ausstellen hierher. Ein Grund dafür mag sein, dass Istanbul eine enorme Fülle an Möglichkeiten bietet. Ein anderer Grund ist sicherlich auch die Stadt selbst, die durch ihre Geschichte und ihre architektonischen Strukturen ein besonderes Pflaster ist.

Nicht zu vergessen ist außerdem die einzigartige geographische Lage, die Istanbul im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Zentrum und einer Brücke zwischen Ost und West werden lässt. Dazu kommt eine weitere Besonderheit. In Istanbul, wie generell in der Türkei, geht es direkter, einfach menschlicher zu.

Ein Künstler in Istanbul kann mit seiner Mappe unterm Arm in eine Galerie spazieren und seine Arbeiten vorstellen. Er kann nach Karaköy gehen, um dort im Viertel der Handwerker ganz gezielt nach Materialien zu suchen und nach einem netten Plausch auch einmal in der Werkstatt eines Schweißers oder Keramikers zu werkeln. Er kann seinen Horizont erweitern und Kunsthandwerk lernen, das er so vielleicht nicht kennt, etwa arabische Kalligrafie oder die kunstvolle Dekoration mit Ornamenten Tezhib.

Die zeitgenössische Kunstszene in Istanbul ist schon jetzt sehr erfolgreich und ihr internationaler Einfluss wird immer größer. Gleichzeitig ist sie jung, modern und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Der Selbstfindungsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen und bietet so großes Potenzial. Ohne Sponsoren und Sammler wäre all dies jedoch nicht möglich, denn die staatliche Förderung hält sich in Grenzen.

Das private Engagement führt aber auch zu Kritik. So wird mitunter befürchtet, dass das Ausstellungsprogramm zu sehr vom Marktinteresse beeinflusst werden könnte. Zudem wird bemängelt, dass die Istanbuler Kunstszene bis in die 1990er-Jahre von starken Künstlergruppen und -netzwerken lebte. Sie zeigten seinerzeit Arbeiten, die politisches und soziales Engagement widerspiegelten und es verstanden, durch inhaltliche und ästhetische Radikalität fast schon zu provozieren.

Heute wären es eher einzelne Künstler, die durch individuelle Arbeiten in Erscheinung treten. Diese Kritik mag berechtigt sein. Andererseits kann sich Kunst eben nur dort präsentieren, wo sie eine Bühne bekommt. Und in Istanbul sind es eben in erster Linie Unternehmen, Familien wie die Sabancis, die Eczacıbaşis oder die Koçs, Stiftungen und auch Banken, die Kunstprojekte initiieren, Ausstellungsräume zur Verfügung stellen und damit die Kunstszene fördern und voranbringen. Hier schließt sich dann aber wieder ein Stück weit der Kreis, denn auch im Nahen und im Mittleren Osten ist es vor allem die wohlhabende und einflussreiche Schicht, die sich in Sachen Kunst engagiert.

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Thema: Künstler in Istanbul

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Redakteure

Emine Gülcan, 46 Jahre, Immobilienmaklerin in Istanbul und Marmaris, Malek Sahouri, 35 Jahre, Reiseblogger, Mehmet Keskin, 42 Jahre, Rechtsberater schreiben hier Wissenswertes zu den Immobilienerwerb in Istanbul bzw. in der Türkei, geben viele Tipps und Reiseinformationen für die Region.

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