Alternative Energien in der Türkei

Alternative Energien in der Türkei

 

Die Türkei ist in Sachen Investitionspotenzial schon lange kein Geheimtipp mehr. Die einstige Agrarnation, die vorrangig als Urlaubsziel und für ihre kostengünstige Textilproduktion bekannt war, hat sich längst zu einem starken Partner entwickelt.

Die Wirtschaft wächst seit Jahren konstant und die Bemühungen um einen EU-Beitritt sowie die kontinuierliche Anpassung an europäische Standards tragen Früchte. Dabei bringt die boomende Wirtschaft einen deutlichen Anstieg des Energieverbrauchs mit sich. Zwischen 1990 und 2010 hat sich die Stromproduktion vervierfacht und Schätzungen zufolge wird der Energiebedarf auch künftig um etwa 8% pro Jahr steigen.

Auf der anderen Seite deckt die Türkei weniger als 30% des Energiebedarfs aus eigenen Quellen, der überwiegende Anteil wird importiert. Hinzu kommt, dass die Energieinfrastruktur deutlich ausgebaut werden muss, um mittel- und langfristig Versorgungsengpässe zu vermeiden. In diesem Zusammenhang rücken alternative und erneuerbare Energien in den Fokus. Der Plan ist, vorhandene regenerative Energiequellen zu nutzen, um dadurch die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern.

 

Alternative Energien in der Türkei sind auf dem Vormarsch

Die Türkei ist von Staaten umgeben, in denen sich über 70% der weltweiten Öl- und Gasreserven befinden. Die Anbindung an das westeuropäische Stromnetz macht die Türkei zum Bindeglied zwischen den Hauptexporteuren und den großen Absatzmärkten. Schon seit den 1990er-Jahren arbeitet die türkische Regierung daran, ihren Status als Energiedrehscheibe zu stärken. Zuspruch erfährt sie dabei von der EU, denn eine stabile Erdgasversorgung über den südlichen Korridor reduziert die Abhängigkeit von Lieferungen aus Russland. Mittlerweile verlaufen mehrere internationale Pipelines durch die Türkei.

Neben Erdgas, das mit rund 50% den wichtigsten Pfeiler im türkischen Energiemix bildet, nutzt die Türkei Kernenergie und Braunkohle als herkömmliche Energiequellen. Ein Gesetzesentwurf aus dem Jahre 2007 hat die Pläne für eine wieder aktivere Nutzung von Kernenergie gestützt. Mit der Zielsetzung, die Türkei unabhängiger von ausländischen Energielieferungen zu machen, sollen in den kommenden Jahren mehrere Atomkraftwerke entstehen.

Bis zum Jahr 2030 sollen etwa 10% der Energie in der Türkei aus Atom gewonnen werden. Allerdings gestaltet sich die Umsetzung der Baupläne eher schwierig, denn die Frage nach den Standorten führt zu Kontroversen und das fachliche Know-how im eigenen Land fehlt. Die Kohlekraftwerke wiederum arbeiten vielfach mit veralterter Technik und sind mitunter nicht mit Filteranlagen ausgestattet. Auch hier sind also Investitionen erforderlich, um das Braunkohlevorkommen in umweltverträglichen und effizienten Kohlekraftwerken nutzen zu können. Daneben wird ein Großteil des Investitionsvolumens in die Gewinnung von alternativen Energien fließen.

Geplant ist, dass der Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung in der Türkei bis 2030 auf 30% klettern soll. Dies mag im ersten Moment recht hoch gegriffen klingen, ist bei dem vorhandenen Potenzial aber ein durchaus realisierbares Ziel. Durch die geographische Lage der Türkei eröffnen sich nämlich optimale Voraussetzungen für Energie aus Wasserkraft, Wind und Sonne sowie für Geothermie und Biomasse.

Forciert werden die Pläne der türkischen Regierung einerseits dadurch, dass eine Energieversorgung nach EU-Standards ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum angestrebten EU-Beitritt ist. Andererseits findet in der Türkei ein Umdenken statt und Themen wie Energieeffizienz und Umweltschutz gewinnen zunehmend an Bedeutung.

 

In der Türkei gibt es ein großes Potenzial für erneuerbare Energien

Eine sehr vielversprechende Energiequelle ist die Sonnenergie. Mit rund 2.600 Sonnenstunden jährlich kann durch die Kraft der Sonne ungefähr genauso viel Energie erzeugt werden wie mit 1,2 Milliarden Tonnen Erdöl. Rund ein Viertel aller türkischen Haushalte sind bereits mit Solar- und Photovoltaik-Anlagen ausgestattet, die Solarenergie wird jedoch vorrangig für die Warmwassererzeugung genutzt.

Sehr großes Potenzial bietet auch die Geothermie. Immerhin ist die Türkei weltweit eines der sieben Länder mit dem größten geothermischen Potenzial. Die rund 170 über 40 Grad warmen geothermischen Quellen und gut 1.000 Thermalquellen würden ausreichen, um 15 Prozent des Energiebedarfs der Türkei zu decken und etwa 5 Millionen Haushalte mit Energie zu versorgen. Bislang gibt es aber gerade einmal ein geothermisches Kraftwerk und nur 60.000 Haushalte, Treibhäuser und Thermen werden mit geothermischer Energie beheizt.

Um das enorme Potenzial besser nutzen zu können, sind weitere Ausbauten geplant. Allerdings sind hierfür auch sehr große Investitionen erforderlich. Mit etwa 7.000km Küste und hervorragenden Windbedingungen ist auch die Windenergie eine vielversprechende Energiequelle. Schon jetzt gibt es in der Türkei vereinzelt Windkraftanlagen, über 40 weitere sind fest geplant. Vor allem große Staudämme sorgen bereits dafür, dass die Wasserkraft schon jetzt etwa ein Drittel der türkischen Stromproduktion ausmacht und damit neben Gas und Kernenergie zu den wichtigsten Pfeilern im Energiemix gehört. Durch weit über 500 neue Wasserkraftwerke soll das Potenzial dieser alternativen Energiequelle in Zukunft noch besser ausgeschöpft werden.

 

Auch Privathaushalte können umweltfreundlichen Strom erzeugen

Um ihre Ziele zu erreichen, hat die türkische Regierung zahlreiche Neuerungen auf den Weg gebracht und weitere werden folgen. Eine geplante Novellierung des Energiemarktgesetzes etwa trägt dazu bei, dass eine Energiebörse entstehen kann. Der erste Schritt hierzu ist auch schon erledigt, nämlich dadurch, dass die Online-Handelsplattform „Volt Enerji Ticaret Sistemi“ eingerichtet wurde.

Infolge der Liberalisierung und Privatisierung des türkischen Strommarktes sollen ab 2015 alle Kunden ihren Stromanbieter frei auswählen können. Auch Energiestandards und Zertifikate sollen in Kürze eingeführt oder aktualisiert werden. Seit Ende 2010/Anfang 2011 ist in der Türkei außerdem das neue EEG-Gesetz in Kraft.

Im Rahmen dieser Verordnung, konkret der Durchführungsverordnung zur lizenzfreien Stromerzeugung im Elektrizitätsmarkt (Elektrik Piyasasında Lisanssız Elektrik Üretimine İlişkin Yönetmelik) kann nun jede Person in der Türkei lizenzfrei Strom für den Eigenverbrauch erzeugen und überschüssigen Strom an Stromunternehmen weiterverkaufen. Besteht die Stromerzeugungsanlage zu mindestens 75% aus türkischen Komponenten, gibt es eine weitere Subventionierung. Dann kann der Anlagenbetreiber seinen Strom nämlich anstelle des Privatkundentarifs zum deutlich höheren Großhandelspreis verkaufen und so seine Investition schneller wieder hereinholen.

Die Regierung verspricht sich von dieser Subventionierung mehrere positive Effekte. So soll die Nachfrage nach inländischen Produkten gefördert und damit die Produktivität von türkischen Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien gesteigert werden. Davon wiederum soll die Wirtschaft im Lande profitieren und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit von türkischen Unternehmen gesichert werden. Die garantierten Abnahmevergütungen bewegen sich zwischen 7,3 Dollar/Cent bei Wasser- und Windkraft und 13,3 Dollar/Cent bei Sonnenergie und Biomasse.

Bei Anlagen aus inländischer Produktion kommen in den ersten fünf Jahren noch einmal zwischen 0,4 und 3,5 Dollar/Cent als Bonus obendrauf. Den benötigten Strom selbst zu erzeugen, lohnt sich somit nicht nur für kleine und mittelständische Unternehmen. Angesichts steigender Energiepreise auf der einen Seite und recht überschaubaren Investitionskosten für Kleinanlagen auf der anderen Seite, dürfte es sich auch für Privathaushalte lohnen, in die umweltfreundliche Stromerzeugung einzusteigen.

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Redakteure

Emine Gülcan, 46 Jahre, Immobilienmaklerin in Istanbul und Marmaris, Malek Sahouri, 35 Jahre, Reiseblogger, Mehmet Keskin, 42 Jahre, Rechtsberater schreiben hier Wissenswertes zu den Immobilienerwerb in Istanbul bzw. in der Türkei, geben viele Tipps und Reiseinformationen für die Region.

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